Songs aus „Happy End” von Bertolt Brecht und Kurt Weil
Warten. Auf den Flug? Auf den Tod? Auf das Leben? Es wird alles werden und der „Flug” wird ein Höllenritt sein, ein Höllenritt in die Abgründe der Gesellschaft, die sich in fast jeder Familie spiegeln.
Brecht hätte sicher seine Freude daran gehabt, hätte er die Umsetzung seines Librettos, das 1933 in Paris als Ballett unter dem Namen „Die sieben Todsünden der Kleinbürger” uraufgeführt wurde, erleben können. Aber der Abend bietet auch ein Stück „Heile Welt”, denn das MIR-Jugendorchester präsentiert sich glänzend. Was die jungen Leute seit dem „Vorspielen” im November unter der Leitung von Clemens Jüngling auf die Beine gestellt haben, verdient höchsten Respekt, ebenso, wie die Leistung der schauspielernden Sänger/Innen des Ensembles.

Ein Warteraum. Noch während das Publikum sich einfindet, das Orchester sich einstimmt, tauchen die ersten „Reisenden” auf, finden „Ihren” Platz auf der horizontal strukturierten Bühne. Grauer Boden, weiße Wände, schwarze 3-er Sitzelemente, ein umlaufendes mit Holz abgesetztes Fenster-/Ablageelement, Getränke, Telefon (Bühne: Pedro Vinciguerra).
Menschen, die unterschiedlicher kaum sein können (Kostüme: Katharina Gault), drei Männer, zwei Frauen und schließlich der Leiter dieses Zusammentreffens, das sich als eine Art der systemischen Psychotherapie entpuppt! Anna I „verarbeitet” ihre unter dem Druck der Familie gemachte „Karriere”.
Die dem Kapitalismus zugeschriebene Tendenz, die Menschen sich selbst zu entfremden, sie zu dominieren, lässt sich nach Bertolt Brecht auch in jeder Familienzelle studieren. Und so lässt er die beiden Anna´s eine 7-jährige Reise, heraus aus dem Louisiana der 30er Jahre, in die Welt unternehmen, in der sie, ihrer habgierigen Familie zum Gefallen, sich immer weiter von sich entfernten um das Haus der Familie zu finanzieren.
Kurt Weill, der sich als jüdischer Komponist, Paris als Exilort gewählt hatte, komponierte nach gemeinsamen Erfolgen mit den Stücken "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny", "Der Jasager" und "Die Dreigroschenoper" dieses Tanzstück, mit einem Libretto von Brecht und der Choreographie von George Balanchine. Es wurde in nur wenigen Monaten erarbeitet und im Juni 1933 im "Theatre des Champs Elysèes" uraufgeführt. Walter Mehring berichtete: „Eine Elite feierte Künstler und Interpreten, wie man sie aus der großen Epoche der deutschen Theaterkunst gewohnt war.” Dennoch hatte das Stück nicht den gewünschten Erfolg, vielleicht auch, weil es in deutscher Sprache aufgeführt wurde.
Bertolt Brecht rankt Annas Geschichte an dem katholischen Terminus der „sieben Todsünden” (Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid) entlang.
Juliane Schunke (Dramaturgie) und Alexander von Pfeil (Regie) versetze die Handlung in die therapeutische Gegenwart der westlichen Welt. Hier wird die Spaltung Annas in die schöne verrückte Anna II (Noriko Ogawa-Yatake) und die praktische Anna I (Hanna Dora Sturludottir) verdeutlicht.
„Meine Schwester ist schön, ich bin praktisch.
Sie ist etwas verrückt, ich bin bei Verstand.
Wir sind eigentlich nicht zwei Personen,
Sondern nur eine einzige.
Wir heißen beide Anna,
Wir haben eine Vergangenheit und eine Zukunft,
Ein Herz und ein Sparkassenbuch,
Und jede tut nur, was für die andre gut ist.
Nicht wahr, Anna?”
Mit „aufgestellt” unter der Leitung des „Therapeuten” (Lars-Oliver Rühl) werden Bruder (E. Mark Murphy), Mutter ( Dong-Won Seo) und Vater (Michael Dahmen).
Sie singen und spielen sich leidenschaftlich durch die von Brecht und Weill geschaffenen Szenen, schaffen illustre Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele. (DIE FAMILIE outet sich im Kapitel über die Unzucht: „Der Herr erleuchte unsre Kinder, dass sie den Weg erkennen, der zum Wohlstand führt, dass sie nicht sündigen gegen die Gesetze, die da reich und glücklich machen!”)
Das Ende der Therapiestunde der „Sieben Todsünden” bildet die Grundlage für den zweiten Teil der Vorstellung. Er baut auf die Songs des 1929, im Berliner „Theater am Schiffbauerdamm”, uraufgeführten, witzigen Gangsterstücks „Happy End” auf. Das Stück, das an den Erfolg der „Dreigroschenoper” des Gespanns Brecht/Weill vom August 1928 anknüpfen wollte, floppte. Trotzdem haben sich Lilians Ballade vom Surabaya-Johnny, der Bilbao-Song, das Lied von der harten Nuss und der Sailor Tango längst zu Evergreens entwickelt, die im Kleinen Haus des MIR eine überraschende und stimmige Umsetzung erleben.
Sind es singende Schauspieler oder schauspielernde Sänger und ist das wirklich ein Jugendorchester, waren Fragen, die sich die Zuschauer und -hörer automatisch stellten und die zu begeistertem Premierenapplaus führten.
Jedenfalls scheint ein „guter Geist” die Proben begleitet zu haben, denn von der „Gitarre” und der „Harfe” war zu erfahren, dass es leicht gewesen sei, diese Leistung zu bringen, weil das Dirigat so präzise und Herr Jüngling ein überaus geduldiger und humorvoller Musikalischer Leiter sei. Sie werden es wissen, denn sie haben nicht nur viele Sonntagsproben, sondern auch noch tägliche vielstündige Proben in ihren Osterferien absolviert!
Hut ab vor diesem Ensemble und weiterhin viel Erfolg!
Termine:
10. MAI. 2011, 20.00 UHR
14. MAI. 2011, 20.00 UHR
Kartentel. 02 09.4097200
Kartenfax 02 09.4097260
Text: Regine Rudat-Krebs
Fotos: Pedro Malinowski