DER BUERANER
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Aktueller Monat: Mai 2012

Meister der Perspektive

Many Szejstecki ist seit 34 Jahren Kopf der „werkstatt”

Many SzejsteckiDonnerstags und samstags hat Many „Dienst”. Dann sitzt er in den Räumen, die ihn schon fast sein halbes Leben begleitet haben. Hier wurde gearbeitet und gefeiert, wurde musiziert, gelesen, „performt” und natürlich Kunst gezeigt.



unter GelsenkirchenUnter Gelsenkirchen

Die „werkstatt” in der Hagenstraße ist für viele Bueraner ein Stück Heimat, ein vertrauter Ort, der im kommenden Jahr sein 35-jähriges feiern kann. Die Kunst kommt hier nicht abgehoben daher, sie ist greifbar, erlebbar. Vielleicht ist es der authentische, vom Kunstschaffen zeugende, Dielenboden, der diese Räume so heimelig macht, vielleicht die alte Pforte, die jeden Besucher mit einem hellen Glöckchen ankündigt, auf jeden Fall aber ist es Manys Gegenwart. Trotz seiner beachtlichen Erfolge ist er ein ganz normaler Mensch geblieben, freundlich, schnörkellos und zugewandt.

Er ist der Meister der Perspektive. Schon als 12-jähriger zeichnete er eine Ansicht seiner Heimatstadt Breslau, die übrigens auch in den Kunstmappen zu finden ist. Ein Bruder seines Vaters hatte „Ahnung“ davon und begleitete den kleinen Manfred bei seinen ersten Versuchen. „Ich habe immer gezeichnet”, sagt Many und man kann es ihm nur glauben.
Hat er im Zeichnen den Ausgleich zu der harten Arbeit als 15-jähriger im Kupferschieferabbau in Eisleben gefunden? „Da bin ich abgehau´n, nach Dortmund auf Zeche Minister Stein,” erklärt er. Dort absolvierte er eine Bergbau-Lehre, wurde mit 22 Jahren Steiger und mit 26 Reviersteiger auf Wilhelmine Viktoria. - 1956 heiratet er seine Brigitte, die ihm seither zur Seite steht. zwei seiner drei Kinder, Eberhard und „Daggi” sind auch Kunstschaffende geworden.

Sein freies künstlerisches Schaffen begann 1965 nachdem er Zeichenunterricht bei Kurt Janitzki, dem langjährigen Vorsitzenden des Bundes Gelsenkirchener Künstler, gehabt hatte. Die ersten Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen folgten, die wiederum viele neue Kontakte brachten. So gründete er 1976 das Gemeinschaftsatelier „werkstatt”. „Zwei Steiger und zwei Juweliere“ waren die Anfangsbesetzung. Doch den Schmuck in der alten werkstatt am Marientor zu sichern war aufwändig und so veränderte sich die erst Besetzung bald. Kurse wurden gegeben, so z.B. „Radiertechnik für Jugendliche” 1978 kam der erste „werkstattkalender“ heraus. „Wir druckten 500 Stück, die wir für 50 Mark verkauften“, erzählt der Künstler. „Die Stadt nahm 80 und die Sparkasse 50 Stück. Davon zahlten wir die Miete und der Rest kam aufs Sparbuch.” Damals war Kunst noch ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens, vor öffentlichen Gebäuden wurden selbstverständlich Skulpturen aufgestellt, das Kunstmuseum in Buer war in der Planung.

Seine Arbeit im Bergbau hatte er 1983 nach 37 Jahren beendet. „Die anderen wollten nicht in Frührente, aber ich hatte ja auch so genug zu tun”. Wie wahr: Er radierte, zeichnete, baute Spiegelobjekte, mischte Techniken; ein Blick auf sein bisheriges Lebenswerk lässt ungläubiges Staunen aufkommen. So ließen auch Kunstpreise, Auszeichnungen und auch bedeutende Ausstellungen wie die im Deutschen Museum in München und in vielen anderen Städten nicht lange auf sich warten. Bereits 1977 erhielt er den Preis des Kunstvereins Oberhausen zum Thema „Das Revier als Faszination” und für die Neugestaltung des Parkstadions 1988 den 2. Preis. Im Rahmen des Gelsenkirchener U-Bahn-Baus wurde ihm die Ausgestaltung der Station Trinenkamp anvertraut. „Im Werk habe ich jede der emaillierten Wandplatten vor dem Brennen persönlich vorbereitet, ein schöner Auftrag, und es hat sich auch gelohnt.” Many reibt Daumen und Fingerspitzen und lächelt. - Auch im Bergbaumuseum Bochum, im Ruhrmuseum der Zeche Zollverein, natürlich in der kinetischen Sammlung der Stadt im Museum Buer sowie an vielen anderen Orten der Republik sind Spuren seines Schaffens zu finden.

Die werkstatt wurde 1980 in die Hagenstrasse verlegt, wo 1984 Siegfried Danguillier mit einstieg. Mit ihm verband Many eine tiefe Freundschaft. Im Jahr 2000 riss der Tod den Künstlerkollegen aus dem Leben. „Ich könnte heute noch heulen, wenn ich daran denke”, sagt Szejstecki. Aber es ging trotzdem weiter. - Immer wieder fanden sich Partner, die mit ihm die Freude am Kunstschaffen und die Kosten zum Erhalt der werkstatt teilten. Während der dreijährigen Zusammenarbeit mit der Bueraner Künstlerin Monika Simon wurde das schöne alte Gebäude von außen und zum Teil auch von innen aufgefrischt. Als diese Zusammenarbeit zu Ende ging, drohte der werkstatt allerdings das endgültige Aus. Überall wurde gespart und der Absatz des werkstattkalenders konnte die steigenden Kosten nicht mehr auffangen. Es sah böse aus. Das Ende der werkstatt schien besiegelt.

Doch die letzte große Ausstellung zur Würdigung des Lebenswerkes des im Januar 2009 verstorbenen Künstlers Heiko Richter, führte den zahlreichen Beteiligten an dieser Schau noch einmal deutlich die Bedeutung der werkstatt vor Augen. Sie war und ist als Ort der Kunst und des Austausches so unverzichtbar geworden, das der Bueraner Wolfgang Ullrich sich mit anderen der Sache annahm und eines Tages bei Many zu Hause auftauchte.
So entstand der „Gemeinnützige Verein Für Kunst und Kultur e.V.”, dessen erster Vorsitzender Ullrich selber geworden ist. Rolf Kranefeld ist sein Stellvertreter und Many Szejstecki Ehrenvorsitzender. Die etwa sechzig Mitglieder sichern mit ihren Beiträgen den Erhalt der werkstatt, und der „harte Kern“ mit Many, Harry Lange und Gisbert Zimmermann organisiert das vielfältige Kultur- und Ausstellungsprogramm zu dem auch ein jährliches Sommerfest im Garten des Hauses gehört.
Einen richtigen Grund zu Feiern gibt es im kommenden Jahr , da wird Many Szejstecki 80 und die werkstatt 35...

Unter der neuen Webadresse www.werkstattev.wordpress.com finden sich weitere Informationen.

Die nächsten Veranstaltungen in der werkstatt:

Fr. 22.10.10 um 20 Uhr Multi-Media-Kunst-werkstatt
„Video-Hotel” mit Karl Rosenwald, Bilder/Film Christian Hammer, Gitarre Jimmy Hartwig, Bass - Eintritt frei

So. 7.11.10 um 19.30 Uhr Jazz-werkstatt
„Hammer+2” Grooviger Hammond Jazz mit Christian Hammer, Gitarre
Gäste: Martin Scholz (Orgel) und Wolfgang Eckholt (Schlagzeug) - Eintritt: 10,- €

Fr. 12.11.10 um 19.00 Uhr Kunst-werkstatt
„werkstattkalender 2011” - mit Werken von Many Szejstecki, Karl Rosenwald, Harry Lange, Karl-Heinz Langowski, Katja Kottmann, Jürgen Buhre und Heike Feddern.


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