La Ville - Die Stadt: Ballett wie das pulsierende Leben
Drei blaue Wände bilden die Bühne - die Ruhe und Klarheit dieses Raumes ist fühlbar und bildet einen überdeutlichen Kontrast zu den folgenden gut 60 Minuten. Blau wie der sich schlängelnde Fluss des Lebens, blau und still wie die Tiefe des Ozeans, auf dem ein Sturm tobt, blau wie der endlose Himmel über einer quirligen Stadt.

Aber zunächst raschelt es nur. Ein Kokon aus Tageszeitungen wälzt sich aus einer Klappe auf die Bühne. Ein „normaler“ Mann (Bogdan Khvoynitskiy) erscheint und widmet sich ganz und gar dem ziehen einer Grenze vor dem Blau der Bühneneinfassung (Bühne: Johann Jörg), nichts kann ihn stören, er gibt sich ganz der Präzision seiner Linien hin (Dramaturgie: Anna Grundmeier).
Die „Musik“ hat inzwischen eingesetzt, sie wird sich entwickeln und steigern von hallenden Schritten in langen Fluren, über Treppenstufen, Türschlössern zu brummenden und heulenden Motoren, wird kreischen und hämmern wie in Fabrikhallen, uns quälen wie unsaubere Radiosender, uns überraschen mit Vogelgezwitscher, Uhrenschlagen oder Babyweinen.
Der Kokon bewegt sich raschelnd hin und her, bis er schließlich aufreißt und sich ihm eine rote Person entwindet (Min Hung Hsieh). Rot! Wie das Blut? Die Liebe? Das pulsierende Leben?
Und er tanzt! Tanzt den Tanz seines Lebens, hingegeben voller Leichtigkeit und Ausdauer, wie das Leben selbst, das immer weiter fließt und uns staunend oder ängstlich, sicher oder ratlos zurücklässt. Und neben ihm beginnt auch der „normale“ Mann seinen Lebens- und Liebestanz, begleitet von Halt gebenden Ritualen (aufräumen, duschen, rasieren, etc.).

Wundervoll leicht führt Bernd Schindowskis Choreographie uns durch diese Stadt mit ihren Begegnungen, Sehnsüchten, Ängsten und Träumen (Licht: Jürgen Rudolph). Plötzlich ist ein Kind (Nikita) da, später eine Frau (Alina Köppen); stellt sie das Leben des „Normalen“ auf den Kopf? Flüchtig scheint Nähe möglich – scheint. Schindowski macht die Gefühlslage der Stadtmenschen sichtbar, ihr wollen und zaudern, die sich ausbreitende Wüste. Auch wenn die Bühne sich zwischendurch mit tanzenden Menschen füllt (Kostüme: Andreas Meyer), die Leere bleibt. Schon immer hat er es verstanden, menschliche Motive sicht- und fühlbar zu machen, uns zum Denken und Fragen anzuregen.
Die Musik für diese Aufführung zu bekommen, war eine längere, fast abenteuerliche Geschichte, da der 1927 geborene Komponist Pierre Henri zunächst nicht zu finden war. Ein im besten Sinne eigensinniger Komponist, der zurückgezogen lebt und als der Mitbegründer der „Musique Concrète” gilt. Er will mit seiner Musik die Menschen nicht zum Tanzen bringen. „Mich interessiert ein tanzendes Ballett. Wenn die Leute tanzen, sollen sie innerlich tanzen, aber sich nicht bewegen. Musik soll man mit den Ohren hören und nicht mit den Füßen” sagte er in einem Interview, das am 16.5.2008 bei Arte Tracks zu sehen war. Erst nach langjährigen Bemühungen, in denen auch glückliche Zufälle eine Rolle spielten, konnte Henrys Zustimmung zu dieser Produktion erlangt werden, war auf der anschließenden Premierenfeier von Rubens Reis (Choreographische Mitarbeit) zu erfahren.
Dieses war die letzte Ballettpremiere in Gelsenkirchen, die Bernd Schindowskis Handschrift trägt, und ein Hauch von Wehmut war trotz des stürmischen Applauses, in den sich etliche Bravorufe mischten, zu spüren. Er wird uns fehlen.
Termine:
27. MAI. 2011, 20.00 UHR
04. JUNI. 2011, 20.00 UHR
11. JUNI. 2011, 20.00 UHR
17. JUNI. 2011, 20.00 UHR
Kartentel. 02 09.4097200
Kartenfax 02 09.4097260
Text: Regine Rudat-Krebs
Fotos: Pedro Malinowski