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Aktueller Monat: Mai 2012

Schindowski – eine Ära geht zu Ende

Bernd Schindowski ist seit 32 Jahren Ballettdirektor am Musiktheater

Schindowski

Um 12 Uhr beginnt die tägliche Probe des Balletts Schindowski. Zuerst soll eine bestimmte Tanzfigur geübt werden. Eine Tänzerin und zwei Tänzer bleiben im Raum. Die anderen verlassen den Ballettsaal. „I call you when we are ready!” sagt Bernd Schindowski.Aufgrund der internationalen Zusammensetzung der Tanzkompanie findet die Kommunikation größtenteils in Englisch statt. „How will you lift her?” will der Ballettmeister von einem hochgewachsenen, dunkelhaarigen Tänzer, Britt William Hillard aus den USA, wissen. Zusammen mit dem zweiten Tänzer, dem Russen Pavel Roudov, führt er die Tanzfigur vor.

BallettprobeDie blonde Tänzerin Alina Köppen wird von Hillard in die Luft gehoben, dann vom Zweiten an den Armen gegriffen, so dass sie völlig in der Luft schwebt. Nach einigen eleganten Beinbewegungen lässt der Hillard sie wieder zu Boden. Für Bernd Schindowski und seinen Assistenten Rubens Reis war das so allerdings noch nicht OK! Zuerst wird die gewünschte Figur gemeinsam auf einem Monitor angesehen und erklärt, dann geht es in die Feinarbeit. Alina Köppen wird mehrfach angehoben, heruntergelassen und wieder angehoben. Um die richtigen Handgriffe zu demonstrieren nehmen Schindowski und Reis selber die Position der Tänzer ein und lassen die blonde Tänzerin über sich schweben, dann dürfen Hillard und Roudov wieder an ihre Positionen und proben die kurze Figur noch zwei, drei Mal. Nach etwa 20 Minuten ist der Ballettchef endlich zufrieden und lässt die anderen Tänzer hereinholen, „but only the boys – jetzt proben wir nur mit den Jungs.”

Seit 1978 ist Bernd Schindowski Ballettdirektor und Chefchoreograf am Musiktheater im Revier. Seit 1971 ist er selber ausgebildeter Tänzer. Seitdem lebt er im Rhythmus des Tänzerberufs. 10 bis 11.30 Uhr Training, 12 bis 14.00 Uhr und 18 bis 21.30 Uhr Choreographie einstudieren. Und das fünf Tage die Woche. Das technische Tanztraining betreut er heute nicht mehr selber, das übernimmt eine Trainingsleiterin, im MiR seit 2007 die Brasilianerin Ana Lucia El Daher. „Der Tagesablauf eines Tänzers ist oft ziemlich anstrengend”, sagt Schindowski. Wer abends um Halb Zehn Schluss macht, kann und will dann nicht gleich Schlafen gehen, dann wird es schnell elf oder zwölf – und dass Proben harte körperliche Arbeit sind, haben Sie ja eben gesehen. Das macht man nicht nur um Geld zu verdienen. Für das Tanzen muss man leben.”

Das Tanzen einmal sein Leben sein würde, hatte Bernd Schindowski selber nicht gedacht, als er mit 18 eine Banklehre in seiner Heimatstadt Hagen begann. Er war zwar bereits als Jugendlicher Mitglied in einem Gesellschaftstanzclub, aber die Idee, einmal Berufstänzer zu werden, wäre ihm nicht gekommen. „Ich habe die Banklehre gemacht, weil ich nichts Besseres wusste,” erzählt er. „Und mein Elternhaus war sehr weit weg von der Theaterwelt.” Als er durch einen Freund mit dem Ballett in Berührung kam, wurde ihm schlagartig klar, dass genau das sein Weg war. Er meldete sich bei der Abteilung Tanz der Kölner Musikhochschule an und wurde dort trotz seines „hohen Alters” von 21 Jahren angenommen. „Bei der Aufnahmeprüfung in Köln sagte meine spätere Tanzlehrerin: Sie sind ja durchaus talentiert, aber warum kommen Sie als „Opa” zu mir. - Letztlich war es aber gar nicht so schlecht, dass ich erst so spät zum Tanzen gekommen bin”, erinnert sich Schindowski. „Ich habe zwar Blut und Wasser geschwitzt, um alles aufzuholen, dafür habe ich die Tanzbewegungen sehr viel bewusster gelernt, als wenn ich schon als Kind mit dem Tanzen begonnen hätte.”

Im Jahr 1971, nach Abschluss der Ausbildung, bekam er ein Engagement an der Kölner Oper. 1973 bis 1975 studierte er Pädagogik für klassischen und modernen Tanz am Kölner Institut für Bühnentanz, und 1975 bis 1978 folgte ein Engagement als Tänzer, Trainingsleiter und Choreograf am Ulmer Theater. „Choreograf bin ich dann vor allem geworden, weil es mich auf Dauer langweilte, nur zu tanzen. Als Tänzer habe ich mich nach einer Vorstellung oft unausgefüllt gefühlt – im Spiegel habe ich ein leeres Gesicht gesehen”, erklärt er. „Das ist mir als Choreograf nie mehr passiert.”

Als Musiktheater-Intendant Claus Leininger, der seine Ulmer Ballette gesehen hatte, ihn 1978 fragte, ob er als Ballettchef nach Gelsenkirchen kommen wolle, sagte Bernd Schindowski ohne großes Zögern zu. Von der Stadt Gelsenkirchen wusste er damals nicht viel. Aber er hat es nie bereut, hierher gekommen zu sein. Im Gegenteil. Er liebt die Offenheit und Direktheit des Gelsenkirchener Publikums. „Ich habe mich hier immer ermutigt gefühlt, Neues auszuprobieren. Ich hatte nie das Gefühl, auf dünnes Eis zu gehen. Der Intendant Claus Leininger hat es damals gewagt, mich mit 30 Jahren zum jüngsten Ballettdirektor der BRD zu machen. Ganz wichtig war auch der Intendant Matthias Weigmann für mich. Der stand voll in der Zeit. Unter seiner Leitung kamen viele weltbekannte Regisseure ans MiR. Mit ihm teile ich auch die Meinung, dass man Ballett nicht mit Musiktheater vermischen soll. Schade, das er nur zwei Jahre am MiR war. Außer Peter Theiler haben alle Intendanten meine Arbeit und die Ballettkompanie unterstützt.”

Ballett VoicesBallett „Voices”


Abgesehen von Pina Bausch und John Neumeier hat bisher keine deutsche Tanzkompanie einen dienstälteren Ballettdirektor gehabt. Aber trotzdem ist in den 32 Jahren der Ära Schindowski nie Langeweile aufgekommen. Bernd Schindowski kreiert pro Spielzeit bis zu vier Produktionen, und seine Kreativität und Experimentierfreude lässt nach Meinung der Kritiker keinesfalls nach. Die Choreographien basieren auf klassischen und modernen Tanztechniken und bauen oft auf Ironie und Überraschungen. Jede Aufführung hat ihre ganz eigene Atmosphäre, von heiter und verspielt bis streng und düster, von ernst und getragen bis wild und sinnlich. In den letzten beiden Jahren inszenierte er so verschiedene Stücke wie zum Beispiel „Voices” nach Texten von Bertold Brecht, „Verklärte Nacht” basierend auf der Musik des österreichisch-jüdischen Komponisten Arnold Schönberg oder das romantische Ballett Giselle aus dem 19. Jahrhundert. Aktuell bereitet das Ballett Schindowski die Stücke „Gedanken eines Zweiflers” (Es geht um eine philosophische Betrachtung der Welt aus Sicht eines jungen und eines alten Manns.) und „La Ville – die Stadt” vor. Im Mittelpunkt steht hier das Geräuschkonzert des städtischen Alltags.

Seit 1980 choreografiert Schindowski auch Ballette, die sich gezielt an Kinder richten. Dabei handelt es sich aber nicht nur um „Märchenballette” sondern mehr um Alltagsthemen, die Kinder interessieren. „Tanztechnisch sind diese Produktionen genauso anspruchsvoll wie die für Erwachsene. Nur für die Tänzer ist es ungewohnt, morgens um Elf aufzutreten”, erklärt Schindowski. - 1998 startete das Ballett Schindowski mit einer jährlichen Serie unter dem Titel „Heavy Music – Cool Love”. Hierbei erarbeiten mehrere Schulklassen zusammen mit den Ballettprofis ein Programm zu einem bestimmten Thema. Das Motto 2008/2009 war „Goin` West” – Es ging um Gewalt in der Schule. Ziel war es, Alternativen zu aggressivem Verhalten zu finden und im Sinne des alten „Schlachtrufs der Freiheit” neue Perspektiven zu entwickeln. In Vorbereitung des Kulturhauptstadtjahrs war das Motto 2009/2010 „Auf Ruhr – Kultur oder was?” – Die Schüler sollten sich Gedanken über die eigene kulturelle Identität machen. Dieses Jahr ist Heavy Music - Cool Love unter der Devise „Let`s Get Better” gestartet – eine Kampfansage gegen „Nullbock auf Schule”. Im Zentrum des Projekts steht die Förderung der Jugendlichen und ihrer unterschiedlichen Talente. Bernd Schindowski möchte sie ermutigen, sich mittels Tanz und Musik künstlerisch auszudrücken, selber zu musizieren, zu schauspielern und zu texten. Bis zu 120 mitwirkende Schüler sind bei jeder Produktion dieser Serie mit dem Ballett Schindowski auf der Bühne. Auch bei dem Schüler-Publikum findet das Projekt großen Zuspruch.

Für seine Arbeit wurde Bernd Schindowski nicht nur immer wieder von Kulturkritikern gelobt. Er erhielt 1980 den Förderpreis des Landes NRW und 2002 den nordrhein-westfälischen Verdienstorden. Aufgrund der hohen Leistungsbereitschaft des Ballett Schindowski erhält das Musiktheater im Revier seit 1989 eine besondere finanzielle Förderung aus dem Landeshaushalt.

Nach 32 Jahren im Dienste des Gelsenkirchener Musiktheaters hat Bernd Schindowski sich im August entschieden, seinen Vertrag zum Ende der aktuellen Spielzeit vorzeitig zu kündigen. Er möchte dem Musiktheater die Möglichkeit geben, die Zukunft der Ballettsparte anzugehen, bevor die aktuellen Sparbeschlüsse der Stadt 2013 greifen. Schindowkis Kündigung löste im Kulturbereich allgemeine Bestürzung aus. Es gab aber auch Stimmen aus der Politik, die seinen Weggang zwar bedauern, jetzt aber auch die Möglichkeit eines Neuanfangs für die Ballettsparte im MiR sehen. Nach Aussage der SPD Ratsfraktion steht das Ballett in Gelsenkirchen grundsätzlich nicht zur Disposition, es werden aber auch Gedanken angestellt, in wie weit sich die Aufgabe eines Ballettdirektor am MiR zukünftig ändern könnte. Mit dem Weggang von Bernd Schindowski im Sommer 2011 geht unwiderruflich eine Ära zu Ende, die das Musiktheater und die Kultur Gelsenkirchens grundlegend geprägt hat. Es bleibt zu hoffen, dass das Ende des Balletts Schindowski nicht der Einstieg in eine allgemeine Sparpolitik und einen zunehmenden Qualitätsverfall sein wird.

Die vier Produktionen der letzten Spielzeit Bernd Schindowskis am Musiktheater im Revier haben ab Februar 2011 Premiere: „Gedanken eines Zweiflers” am 26.Februar – Das Kinderballett „Hexeneinmaleins” am 3.April – „La Ville-Die Stadt” am 21.Mai - und Heavy Music - Cool Love „Let`s Get Better” am 2.Juli. Weitere Informationen zum Programm der aktuellen Spielzeit bekommt man im Internet unter www.musiktheater-im-revier.de oder telefonisch unter 0209-4097-200.

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