DER BUERANER
DER BUERANER
ONLINE

Aktueller Monat: Mai 2012

Bretter, die die Welt bedeuten

Theaterluft schnuppern bei Christian Stratmanns Theaterakademie

Rauf auf die Bühne. Feststellen, dass die Fläche erstaunlich groß ist. Dass der Zuschauerraum von dort oben noch viel größer wirkt. Ein kribbelndes Gefühl erfasst einen, wenn man plötzlich im Rampenlicht steht.

Dann wieder runter von der Bühne und ab zu den Garderoben und Aufenthaltsräumen der Schauspieler. Niemand da. Trotzdem spürt man deren imaginäre Anwesenheit, hat das Gefühl, sie mit Händen greifen zu können. Ein abschließender Blick auf Bühnentechnik, Tontechnik und die Beleuchtung. Dann beginnt der aktive Teil des Kurses.

Wanne-Eickel. Ostermontag trifft sich eine 13-köpfige Teilnehmergruppe im Alter zwischen 17 und 55 im Foyer des Mondpalasts. So verschieden die Teilnehmer sind, so verschieden sind auch ihre Intentionen, an der Osterakademie von Christian Stratmann teilzunehmen. Einige wollen Schauspieler werden, andere stehen bereits als Laien im Theater oder Kabarett auf der Bühne und wiederum andere sind nur neugierig, was Schauspielerei wirklich bedeutet. Die Akademie verspricht „Schauspiel erleben – ganz und gar”. Das bedeutet, mehr über sich selbst zu erfahren und gleichzeitig Stimme, Sprache und Präsenz zu verbessern. Auch um ihre Wirkung auf Andere zu verbessern ist für einige der Grund ihrer Teilnahme.

Der „Prinzipal” Christian Stratmann lässt es sich nicht nehmen, die Teilnehmer zu begrüßen. Es gibt nicht nur die Anfänger-Veranstaltungen, zu denen die Osterakademie gehört, sondern auch Fortgeschrittenenkurse, bis hin zu Vorbereitungskursen zur Aufnahme an eine Schauspielschule. Auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit, für den beruflichen Alltag Softskills wie Teambildung, Improvisation und Überzeugungskraft mit schauspielerischen Elementen zu lernen. „Wir haben keinen Kulturauftrag, aber wir erfüllen ihn trotzdem!”, so Stratmann.

Das morgendliche warm-up mit Samira CalderDas morgendliche warm-up mit Samira Calder

Der aktive Teil beginnt mit einer dreiviertel Stunde „warm-up“. Ein „Klatschkreis“ um Aufmerksamkeit und Reaktionsgeschwindigkeit zu üben. Anschließend hopsen, dehnen, Hüften kreisen, Anspannung, Entspannung und mit allen Glieder zucken und sie ausschütteln. Dieses warm-up wird die Teilnehmer auch an den weiteren Tagen als Einstieg erwarten. Sie sind sich zum Ende am Freitag einig, dass ihnen Samira Calder mit ihren Übungen morgens fehlen wird.

Ängstlich, wütend, suchend, warten, Freude, verstecken.


Intendant und Regisseur Thomas Rech vermittelt am 1. Tag Grundlagen in spielerischer Form. Hier müssen zwei „Wesen” mit geschlossenen Augen versuchen, den „Feind” zu als erster zu berühren ohne selbst berührt zu werden. Die Berührung ist „tödlich”!Intendant und Regisseur Thomas Rech vermittelt am 1. Tag Grundlagen in spielerischer Form. Hier müssen zwei „Wesen” mit geschlossenen Augen versuchen, den „Feind” zu als erster zu berühren ohne selbst berührt zu werden. Die Berührung ist „tödlich”!

Nun geht es los mit den ersten zaghaften Schritten Richtung Schauspielerei: Gemeinsam sollen die Theaterschüler auf der Bühne versuchen, in den Raum geworfenen Begriffe darzustellen. Ängstlich, wütend, suchend, warten, Freude, verstecken. Die Teilnehmer ducken sich, legen die Hände schützend über den Kopf, suchen Rückendeckung an der Wand, verkriechen sich wimmernd in einer Ecke. Mit dem neuen Begriff gleich darauf stampfen sie wütend auf, ballen die Hände zu Fäusten, gestikulieren wild, die Gesichtszüge ärgerlich verzerrt. Erstaunlich – in jedem steckt ein bisschen Schauspieler. Die Gruppe ist erstaunt, was in ihnen steckt. Etwas Lautes, Leises, Böses, Verzagtes, das so kaum einer von sich erwartet hätte.

Präsenztraining mit der Schauspielerin und Theaterpädagogin Ute SchüttgenPräsenztraining mit der Schauspielerin und Theaterpädagogin Ute Schüttgen

Im weiteren Verlauf des Seminars steht Präsenztraining bei Ute Schütgens auf dem Programm. Sie ist nicht nur Schauspielerin und regelmäßig im Mondpalast zu sehen, sondern auch Yoga-, Bewegungs- und Sprechtrainerin. Eine Aufgabe zum Abschluss scheint zunächst banal: Auf die Bühne kommen, sich vorstellen, um nach einem kurzen vorgegebenen Satz wieder abgehen. Banal….? Nach 13 Versuchen und noch mehr Versuchen zu Optimierung ist klar: weniger ist mehr, Pausen sind genau so wichtig wie Blickkontakte – im richtigen Moment und so, dass sich jeder angesprochen fühlt.

Denise Rech trainiert mit den Teilnehmern die BauchatmungDenise Rech trainiert mit den Teilnehmern die Bauchatmung.

Natürlich gehört auch der Text, das gesprochene Wort, zur Schauspielerei. Dabei ist Stimme nicht gleich Stimme, sondern eine Frage des Stimmeinsatzes und der Atemtechnik. Dies zu vermitteln ist das Ziel von Denise Rech. Die Diplom-Schauspielerin hat an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock mit Sprechtechnik als Schwerpunkt studiert.
Zunächst leitet sie die Teilnehmer an, die eigene Stimmlage zu suchen – „ammmmmm“. Anschließend geht es darum, dieser Tonlage durch die Technik der Bauchatmung Volumen und Tragkraft zu verleihen. Mit der neuen Bauchstimme klingt das laut gebrüllte „Hey!” ganz anders. “Wenn ich so ‘halt’ brülle, bleibt bestimmt eine heran galoppierende Herde Büffel stehen”, versichert Rech lachend.

Bei Thomas Rech, dem Intendanten des Mondpalastes und Leiter der Christian Stratmann-Akademie, lernen die Teilnehmer, was Regiearbeit bedeuten kann. Rech ist Schauspieler, sowohl am Theater als auch über lange Jahre vor der Kamera, zusammen mit Schauspielern wie Götz George, Manfred Krug oder Johannes Heesters. Heute inszeniert er als Regisseur die Stücke für Mondpalast und Kammerspielchen.

Thomas Rech führt Anhand von den Teilnehmern gespielten Szenen in die Regiearbeit einThomas Rech führt Anhand von den Teilnehmern gespielten Szenen in die Regiearbeit ein.

Den Teilnehmern der Osterakademie gibt er die Aufgabe, sich in kleinen Gruppen zwei oder drei kurze Sätze auszudenken und diese auf der Bühne zu präsentieren. „Weißt du eigentlich wie spät es ist?” – „Keine Ahnung, ich hab meine Uhr nicht an.” Aus diesen schlichten Sätzen entwickelt sich unter Thomas Rechs Regieanweisungen ein Beziehungsdrama, das auch eine Vorgeschichte sichtbar werden lässt. Man kann sich kaum entscheiden, ob ein Schauspieler oder ein Regisseur den spannenderen Beruf hat. Um über das Berufsbild, die Möglichkeiten, Licht- und Schattenseiten des Künstlerdaseins zu diskutieren, wird zu jeder Akademie-Veranstaltung ein Pate eingeladen.

Die Akademiepatin Esther Münch beantwortet Fragen der Teilnehmer zum Beruf des SchauspielersDie Akademiepatin Esther Münch beantwortet Fragen der Teilnehmer zum Beruf des Schauspielers.

Dieses Jahr übernahm dies Esther Münch, Kabarettistin aus Bochum und bekannt als Reinigungsfachkraft Waltraud „Walli” Ehlert. Ihr Plädoyer: Das Künstlerdasein ist faszinierend, aber Talent alleine genügt nicht. Man brauche zudem Biss, Disziplin, Maß, zündende Ideen, Zeit und das nötige Glück. Um trotz der finanziellen Unwägbarkeiten halbwegs sicher um die Runden zu kommen, empfiehlt sie die Spinnentechnik. Man solle immer mehrere Möglichkeiten gleichzeitig verfolgen „und wenn das eine Bein nicht trägt, dann trägt vielleicht eines der anderen.”

Für Schauspieler ist die Spinnentechnik ratsam

Gerade für die Teilnehmer, die davon träumen, zukünftig die Bühne zum Beruf zu machen, regnet es neue Aspekte und Informationen. Diese ergeben sich auch aus den Diskussionen mit den Dozenten aus dem Stratmann-Ensemble. Sie sind hoch motiviert und mit viel Spaß bei der Sache. Diese Freude am Theater möchten sie weiter geben und zeigen, wie faszinierend ihre Welt ist, um jungen Menschen damit neue Horizonte zu eröffnen.

So wird auch eine Beratung für Schauspiel-Interessierte angeboten, mit weitergehenden Informationen darüber, was alles zu beachten ist und welche Schritte empfehlenswert sind. Samira Calder, die warm-up-Trainerin, spielt auch die weibliche Hauptrolle in Ronaldo und Julia im Mondpalast. Sie ist ehemalige Absolventin der Akademie. Auch in „Flurwoche” spielt ein ehemaliger Teilnehmer der Sommerakademie mit. Drei weitere Absolventen der Akademie haben es zwischenzeitlich geschafft, an bekannten Schauspielschulen angenommen zu werden.

Prinzipal Christian Stratmann und Thomas Rech verleihen die Teilnehmerurkunden an die Teilnehmer



















Prinzipal Christian Stratmann und Thomas Rech verleihen die Teilnehmerurkunden an die Teilnehmer.

Die diesjährigen Teilnehmer sind sich zum Ende der Woche einig: Nie hätten sie gedacht, wie anstrengend die Schauspielerei eigentlich ist, wie viel Arbeit dahinter steckt und wieviel Interpretationsspielraum dabei für die Schauspieler und Regisseure erhalten bleibt. Die Teilnehmer werden das nächste Theaterstück mit ganz anderen Augen sehen. Ob sie nun selbst aktiv in die Schauspielerei einsteigen wollen oder eher aus Neugierde und für die persönliche Entwicklung mitgemacht haben, sie alle haben viel gelacht und gestaunt - nicht nur auf Anweisung als Aktion auf der Bühne.

Text: Dr. Petra Podraza
Fotos: Lothar Bluoss


Anzeige Neukirchen

Anzeige Hörwünsche

Anzeige Gesundheitspark

Anzeige Daniel Smak

Anzeige Steuerbüro Schabio

Anzeige Betten Luck