DER BUERANER
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Aktueller Monat: Mai 2012

WAR REQUIEM

Kriegsszenen im MiR

Um es gleich vorweg zu nehmen: Hier gibt es nicht nur ein brillant auf die Bühne gebrachtes Requiem zu genießen, hier gilt es den Wahnsinn des Krieges zu verkraften, sich treffen und aufrütteln zu lassen, die durch unsere Massenmedien verursachte Abstumpfung abzuschütteln und vielleicht endlich wieder Stellung zu beziehen.

Und es scheint zu gelingen. Der anhaltende, von Bravorufen durchzogene Applaus in dieser dritten Aufführung und die rege Beteiligung am anschließenden Publikumsgespräch mit Anna Melcher (Chefdramaturgin) und Elsabeth Stöppler (Regisseurin) sprechen für sich.

Szene aus WAR REQUIEM

Es beginnt ganz harmlos und vertraut: Ein Ikea-Familienidyll vor dem Fernseher. Vater, Mutter, Tochter und Sohn verfolgen die Kriegsberichterstattung, hören das Bombengewitter aus dem TV-Gerät. Plötzlich bricht der Krieg ins Wohnzimmer ein, wird das weit entfernt Geglaubte Realität. Ein Soldat (Auch darstellerisch stark: Björn Waag, Bariton) liegt tot auf dem Teppichboden - sofort ist auch ein Kameramann da und liefert uns die vertrauten Bilder, die auf große Leinwände projiziert werden (Bühne/Kostüme, großenteils sehr reduziert: Kathrin-Susann Brose). Die schaulustigen, schockierten Nachbarn (Eindringlich: Opernchor und Extrachor des MIR, beeindruckend: Gelsenkirchener Kinderchor) nähern sich und in die sich ausbreitende, beklemmende Stille hinein beginnt die Musik (Im Orchestergraben, mitreißend: Neue Philharmonie Westfalen, Leitung: Rasmus Baumann und auf der Bühne eindrucksvoll: Kammerorchester, Leitung: Clemens Jüngling).

Szene aus WAR REQUIEM

Jeder Teil dieser Familie (Vater, überzeugend: Tenor William Saetre, Mutter, überragend vielgestaltig: Sopranistin Petra Schmidt, Tochter, entschlossen: Karla Koball und Sohn, anrührend: Adrian Eilert) wird sich im Laufe des Abends auch auf der „bösen” Seite des Lebens wiederfinden, ein Teil des Kriegschaos werden.

Der erklärte Kriegsgegner Benjamin Britten, der die Kriegsjahre 1939-1942 in Amerika verbracht hatte, komponierte das War Requiem als Auftragsarbeit. Es wurde am 30. Mai 1962, zur Einweihung der im 2. Weltkrieg von Deutschland zerstörten und neu errichteten St. Michaels Kathedrale der englischen Stadt Covertry, uraufgeführt. Zu diesem Zweck kombiniert er in seiner eigenwilligen Komposition den liturgischen Text mit Gedichten des englischen Dichters Wilfred Owen.

"Mein Thema ist der Krieg und das Leid des Krieges.
Die Poesie liegt im Leid ... .
Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist: warnen."


Szene aus WAR REQUIEM

Diese Worte des im 1. Weltkrieg gefallenen Dichters Wilfred Owen, die Benjamin Britten als Vorspruch über die Partitur gesetzt hatte, haben ihre Berechtigung auch heute noch. So scheinen sie Michael Schulz bewogen zu haben, abweichend von den ersten Planungen, als Abschluss des Brittenzyklus das „War Requiem”, auf die Bühne zu bringen und erstmals eine szenische Aufführung zu wagen. Und das Ergebnis gibt ihm Recht. Ein Abend, der bewegt, mitreißt und unter die Haut geht. Die Aufrichtigkeit dieser Bilder, die ergreifende Klangfülle und Klarheit der 3 Chöre und der beiden Orchester, tragen den geneigten Besucher durch diesen Abend und lassen ihn erkennen, dass es eine Gnade des Schicksals ist, wenn er sich selbst am Ende seines Lebens noch zu den „Guten“ zählen darf - dass Krieg und Frieden, Schuld und Vergebung, schwarz und weiß ihren eigenen Gesetzen folgen, seitdem es Leben gibt auf der Welt. Das Chaos, das im Krieg herrscht, wird erlebbar, ist inszeniert und beabsichtigt, erklärte Elisabeth Stöppler sinngemäß beim anschließenden Publikumsgespräch. So belastend mancher Zuschauer den Abend auch finden mag - von einem Chormitglied war zu erfahren, dass alle von der gemeinsamen Arbeit in diesem Werk begeistert und beseelt sind und „um jede Vorstellung trauern, die sie nicht mehr vor, sondern hinter sich haben”. Soviel zu der Fähigkeit Elisabeth Stöpplers, den Akteuren auf der Bühne ihre Intention nahe zu bringen.

Wilfred Owen hatte Erfahrungen mit dem Krieg, lernte während einer Kriegstraumabehandlung im Lazarett in Edinburgh den Dichter Siegfried Sassoon kennen und schätzen. Trotzdem kehrte er, gegen den ausgesprochenen Widerstand des neuen Freundes und literarischen Förderers, 1918 an die Front in Frankreich zurück. Er wollte „von den Kriegsgräuel Zeugnis abzulegen” und starb genau 1 Woche vor dem Waffenstillstand von Compiègne, der den 1. Weltkrieg beendete.

Am Ende der deutschen Uraufführung in München am 6. Juni 1963 im Herkulessaal war es „eine Viertelstunde totenstill”, wie ein Teilnehmer des anschließenden Publikumsgespräches zu berichten wusste, zu tief war das Trauma. Die allgegenwärtigen Erfahrungen von Krieg und Leid mussten noch auf ihre Verarbeitung warteten. Heute sind Tod und Trauma für uns in Mitteleuropa wieder so weit entfernt, dass wir leichtsinnig werden, unsere Soldaten schon wieder aussenden… .
Auch die Vorstellung im MIR endete vor dem überwältigenden Applaus mit einem ausgedehnten Schweigen. Es war alles gesagt (gesungen) und gezeigt. Großartige Arbeit, weiter so!

Termine:
03. JULI. 2011, 18.00 UHR
07. JULI. 2011, 19.30 UHR
10. JULI. 2011, 18.00 UHR


Kartentel. 02 09.4097200
Kartenfax 02 09.4097260

Text: Regine Rudat-Krebs
Fotos: Pedro Malinowski



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