Der Bueraner Künstler liebt große Formate
Zu Christian Nienhaus gelangt man durch eine Garage, vorbei an Bildern und kinetischen Objekten kommt man direkt in sein Atelier: Die farbenbespritzten Staffeleien stehen in einem großen hellen Raum mit Blick in einen kleinen quadratischen Innenhof. An der Wand hängt „Herr Julklapp“ – eine kinetische Installation in Form einer beschrifteten Männerfigur – der Kopf ist durch ein Buch ersetzt, dass sich öffnet und schließt - wie der Künstler sich vor dem Publikum öffnet und aus seinem Inneren preisgibt.
Christian Nienhaus bei der Arbeit
„Das Gebäude war ursprünglich als Erdgeschoss für ein mehrgeschossiges Haus gedacht“, erklärt Nienhaus, „aber die Eigentümer hatten kein Interesse mehr hier weiter zu bauen, so konnte ich die Räume günstig kaufen.“ - Eine Schiebetür schließt das Atelier von den Wohnräumen des Künstlers ab. Eine Wohnzimmerwand ist von einem langen Bild eingenommen: Das Gerüst einer Achterbahn schwingt sich quer hindurch, im Hintergrund ein Riesenrad, daneben ist in roten Zahlen „20:10“ geschrieben. „Das Bild heißt >So geht das Leben<. Die Achterbahn symbolisiert das Auf und Ab“, sagt der Künstler. „Und es hat auch eine erotische Komponente. Wenn Sie wollen, können Sie unter der geschwungenen Achterbahn einen Frauenkörper entdecken.“
Christian Nienhaus Bilder sind immer Kompositionen aus verschiedenen Ebenen und Materialien. Die unterschiedlichen Elemente lassen sich oft erst auf den zweiten Blick erkennen. „Ich fange ein Bild oft an, in dem ich mit Buntstiften Figuren oder Elemente auf die Leinwand zeichne, dann klebe ich vielleicht Bilder oder Zeitungsausschnitte auf, die ich mehrmals übermale. So entstehen nach und nach meine Bilder. Zum Schluss versiegele ich die Leinwand mit Schellack. Der Hochglanz bringt Bewegung ins Bild. Je nach Lichteinfall sieht es anders aus.“
Christian Nienhaus vor einer seiner Arbeiten
Auf der Staffelei steht ein großformatiges Bild auf dem man zwei bärtige Gesichter entdeckt. Über die bunten Pinselstriche ist ein Netz perspektivischer Linien gespannt, neben der Fluchtlinie stehen zwei gotische Spitzbögen, die der Komposition etwas Sakrales geben, die Gesichter könnten Jesus darstellen. Stellt sich der Künstler neben sein Werk, könnten es aber auch Selbstbildnisse sein. - Christian Nienhaus Kunst bleibt interpretierbar. Realistische und abstrakte Elemente verschmelzen miteinander. „Dabei haben meine Bilder immer ein eindeutiges Thema“, sagt der Künstler. Im seinem Wohnzimmer hängt z.B. ein Bild, das er in seiner „Empfindungsphase“ gemalt hat: Ein kräftiger Vogelflügel ragt in einen Kreis hinein, der an den Rändern des Bildes auftaucht. Für Nienhaus symbolisiert es den Menschen, der sich dagegen schützen möchte „gläsern“ zu werden. Aus derselben künstlerischen Phase stammt das Bild „Der Versuch, Dich an mich zu fesseln“. Hier steht der geschlossene Kreis vor einem Flügelpaar in der Mitte des Bildes.
Nienhaus hat eine Vorliebe für große Formate: „Kleine Bilder kann ich nicht so gut“, sagt er. Er bemalt und beklebt aber auch Kartonagen in A4 oder Postkartengröße, die er dann auch verschickt. Irgendwann würde er gerne einmal eine eigene Briefmarke gestalten.
Nienhaus zweite künstlerische Leidenschaft sind kinetische Objekte, oft kleine Maschinen, die auf den Betrachter reagieren. In Nienhaus Wohnzimmer zum Beispiel klemmen zwei Kameras an einer grünen Weinflasche. Die Kameras reagieren auf Bewegungen in ihrem Umfeld. - Eine Weinflasche steckt auch in einem mit Schläuchen und Armaturen voll gestopften Holzkasten. Die durch die Schläuche rinnende rote Flüssigkeit ist der Wein, der aus der Flasche abgepumpt und wieder in sie hinein geleitet wird. Ein alkoholisches Perpetuum mobile – allerdings durch einen kleinen Elektromotor angetrieben.
Vielen Bueranern dürfte Christian Nienhaus kinetische Kunst bereits durch das Objekt „erdsein“ bekannt sein: einer Erdkugel mit sich bewegenden Kontinenten, die während der Fussball-WM 2006 in der Buerschen Markthalle hing. Für Nienhaus sind die kinetischen Objekte oft Schlusspunkt einer Phase. „Wenn ich mit einem Thema zum Ende komme, kann ich es nur noch in Objekten ausdrücken, das ist für mich die stärkste Ausdruckform.“
Das Wichtigste ist für Christian Nienhaus, dass seine Kunst die eigenen Gefühle ausdrückt. „Es geht letztlich nicht um andere sondern um meine eigene Person. Nur wenn ich mit dem Herzen dabei bin, kann etwas Gutes dabei herauskommen“, bekräftigt er. Seit ich relativ bekannt bin, mache ich viele Auftragsarbeiten“, erzählt der Künstler, „aber auch das ist dann trotzdem meine Kunst. Es hat keinen Sinn etwas nur für den Markt zu produzieren.“
Vor seinem Kunststudium an der Ruhrakademie in Schwerte hatte Nienhaus eine gestalterische Ausbildung als Modedesigner an der Akademie für Kunst und Design in Düsseldorf absolviert. „Figurenzeichnen und Aktzeichnen fand ich faszinierend, aber es war schon ziemlich hart, parallel zu studieren und eine Schneiderlehre zu machen. In meinem 12 qm-Zimmer in Düsseldorf war ich fast nur zum schlafen. Irgendwann konnte ich keine Nähmaschinen mehr sehen und habe mich dann für die Freie Kunst entschieden. An der Ruhrakademie Schwerte studierte er 1999 bis 2002 als Meisterschüler von Detlef Bach und eröffnete 2001 sein erstes Atelier in seiner Heimat Buer.
Inzwischen ist der 33-jährige so gefragt, dass er Ausstellungen ablehnen muss, wie kürzlich ein Angebot aus Travemünde an der Ostsee. „Dieses Jahr bin ich komplett ausgebucht“, sagt er, und auch für 2011 habe ich schon viele Vormerkungen. Seine erste Ausstellung mit eigenen Werken hat er bereits während seiner Studienzeit durchgeführt. Christian Nienhaus ist hauptberuflicher Künstler. „Ich weiß, dass es meist schwer ist, mit Kunst Geld zu verdienen, aber ich lebe von meiner Kunst“, sagt er. Was er anders macht als andere Künstler, kann er so spontan nicht erklären, aber wenn man ihn erlebt, ahnt man, dass es mit seinem Selbstbewusstsein und seinem guten Selbstmarketing zu tun hat. Christian Nienhaus findet Wege, seine Kunst so zu leben, dass die interessierte Öffentlichkeit davon erfährt.
Seine Internet-Aktion „Inspire me“ am 22. März vorigen Jahres ist ein gutes Beispiel wie Nienhaus seine künstlerische Passion mit einer öffentlichkeitswirksamen Aktion verbindet: Aus allen Teilen der Erde sendeten Internetuser Inspirationen in Bild, Text und Musikform, die dem Künstler durch einen Operator zugespielt und z.T. per Beamer auf seine Leinwand projiziert wurden. Nienhaus verarbeitete in 3½ Stunden über 200 verschiedene Inspirationen und kreierte damit ein atemberaubendes Kunstwerk.
Wir sind überzeugt, dass Christian Nienhaus auch im Kulturhauptstadtjahr 2010 wieder von sich reden machen wird...